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„Alte“ und „neue“ Gentechnik: die EU hat sich zu lange selbst blockiert

Ein Kommentar von Petra Winkler.

Der eine oder andere Zeitgenosse erinnert sich vielleicht noch gut an das Schüren von Ängsten durch zeitgeistig-grüne Parteien, Kirchen und NGOs: Menschen demonstrierten eingehüllt in weißen Schutzanzügen, um vor Gentechnik bei Tomaten, Kartoffeln oder Mais zu warnen. Höhepunkt dieser Demos waren dann stets Plakate und Schilder mit der Aufschrift „Keine Gene in Tomaten“ oder so ähnlich. Jeder Mensch mit halbwegs Bildung müsste bei solchen Dummheiten eigentlich zusammenzucken. Aber die grüne Fangemeinde scheint „Science“ immer zu ignorieren, wenn es darum geht, dümmliche Propagandaschilder in die Luft zu strecken.

Unter dem Einfluss von Anti-Gentechnik-Propaganda-NGOs und dem Eifer ihrer unwissenden Follower wurde die Pflanzenbiotechnologie, auch Grüne Gentechnik genannt, in Deutschland und ganz Europa in den letzten Jahrzehnten ebenso gründlich für Panikmache genutzt wie zuvor die Atomkraft und anschließend die Klimaerwärmung. Zumindest bei der Grünen Gentechnik scheint es nun aber zurück auf den Pfad der Vernunft zu gehen – immerhin geht die EU jetzt in Richtung Deregulierung dieser Biotechnologie. 

Worum es bei „Grüner Gentechnik“ überhaupt geht

Unter dem Schlagwort „Grüne Gentechnik“ werden Verfahren zusammengefasst, mit denen das Erbgut von Pflanzen gezielt verändert wird. Ziel ist nicht das „neue Lebewesen im Labor“ (wie die Angstmacher uns weismachen wollen), sondern sehr konkrete Eigenschaften: etwa höhere Resistenz gegen Pflanzenkrankheiten, bessere Toleranz von Trockenheit oder eine effizientere Nutzung von Nährstoffen.

Wichtig ist dabei eine Unterscheidung, die in der öffentlichen Debatte oft unbeachtet bleibt: Während die Gentechnik in ihren Anfängen häufig noch artfremde Gene in transgene Pflanzen eingebaut hat, lassen sich mit modernen Verfahren der Genomeditierung – etwa CRISPR – gezielt einzelne DNA-Bausteine in der Pflanze verändern – da passiert dann eigentlich nichts anderes als das, was sich auch zufällig in der Natur oder durch klassische Züchtung oder durch Mutations-Züchtung (siehe chemische Mutagenese bzw. auch Strahlenmutagenese, auch bezeichnet als „atomares Gärtnern“) entwickeln kann.

Und diese technologische Entwicklung ist nun auch der Hintergrund der aktuellen EU-Reform.

Ein spätes Eingeständnis der Realität

Die EU hat ihre Regeln angepasst für Pflanzen aus Genomeditierung und zeigt damit: die EU hat sich in der Bewertung moderner Pflanzenbiotechnologie jahrelang verrannt. Was nun angepasst wird, hätte man wissenschaftlich schon vor einem Jahrzehnt so formulieren können: Entscheidend ist nicht die Methode, sondern das Ergebnis.

Statt einer wissenschaftlich-pragmatischen Lösung hat die EU eine ideologische Regulierung gepflegt und die moderne Genomeditierung faktisch als Fortsetzung der Gentechnik-Debatten der 1990er Jahre behandelt. 

Mit Biologie hatte das zuletzt nicht mehr viel zu tun, das war reine politische Symbolik!

Wenn Regulierung die Biologie ignoriert

Die zentrale Schieflage war immer dieselbe: das Verfahren (also die Biotechnologie) wurde höher gewichtet als Eigenschaften (Pflanze enthält gar keine fremden Gene).

Dabei ist in der Fachwelt klar, dass präzise Genomeditierung punktuelle Veränderungen erzeugen kann, die von natürlichen Mutationen nicht zu unterscheiden sind. Genau deshalb fordern wissenschaftliche Akademien seit Jahren eine risikobasierte statt methodenbasierter Regulierung.

Die EU hat genau das über Jahrzehnte ignoriert.

Das Ergebnis war eine politische Konstruktion, die sich als Vorsorge tarnte, in Wahrheit aber oft als pauschales Misstrauenssystem gegenüber einer ganzen Technologie funktionierte.

Die Illusion der moralischen Überlegenheit

In der europäischen Debatte wurde diese Haltung lange als besondere Vorsicht verkauft. Tatsächlich war sie häufig etwas anderes: ein Ersatz für fehlende Differenzierung.

Gentechnik wurde nicht als Sammelbegriff für sehr unterschiedliche Verfahren verstanden, sondern als moralisches Etikett. Aus wissenschaftlicher Abwägung wurde Ideologie.

Wer auf Unterschiede zwischen klassischer transgener Gentechnik und moderner Genomeditierung hinwies, wurde nicht selten behandelt, als relativiere er Risiken – selbst dann, wenn genau diese Unterschiede zentral für jede seriöse Risikobewertung sind.

So entstand eine Debatte, in der wissenschaftliche Genauigkeit systematisch durch politische Vereinfachung ersetzt wurde. „Follow the Science“ gilt nicht in jedem Fall. 

Der Rest der Welt hat einfach ohne uns weitergemacht

Während die EU sich ängstigte und diskutierte, hat der Rest der Welt jedoch weiter geforscht, reguliert und produziert.

Die USA, Kanada, Brasilien, Argentinien, Japan, China, Indien, Australien und zahlreiche weitere Länder – alle haben längst eigene Rahmenwerke geschaffen, die genomeditierte Pflanzen in vielen Fällen wie konventionelle Züchtung behandeln, sofern keine artfremden Gene eingeführt werden.

Heute sind es weit mehr als zwei Dutzend Staaten, die Genomeditierung explizit ermöglichen und regulatorisch entlasten. In diesen Ländern entstehen bereits Sorten mit konkretem Nutzen: krankheitsresistente Pflanzen, verbesserte Trockentoleranz, optimierte Nährstoffverwertung.

Die EU hat diese Entwicklung nicht nur beobachtet – es hat sie aktiv ausgebremst.

Selbstblockade als Standortpolitik

Die Folgen sind eigentlich vorhersehbar gewesen: Innovation wandert dorthin, wo sie nicht misstrauisch beäugt wird.

Forschung folgt Freiheit, Kapital folgt Forschung, Produkte folgen Kapital. Die EU hat diesen Zusammenhang jahrzehntelang ignoriert und sich damit selbst in eine strukturelle Schwächung manövriert.

Die europäische Pflanzenforschung ist durchaus noch exzellent. Noch. Aber zwischen wissenschaftlicher Spitzenleistung und praktischer Anwendung wurde ein regulatorischer Flaschenhals errichtet, der andernorts nicht existiert. So ist es kein Wunder, wenn Spitzenforschung eben nicht in Europa bleibt. 

Das ist keine besonders kluge Form von Vorsorge. Es ist industriepolitische Selbstbeschränkung. Darüber hinaus ist jede Ablehnung effizienterer Landwirtschaft nicht nur die Ablehnung von höheren Gewinnen durch höhere Erträge, es bedeutet auch mehr Aufwand und damit mehr CO2 für dieselbe Erntemenge.

Die neue Regel: besser spät als falsch

Die Reform ändert das nicht vollständig, aber sie beendet zumindest einen der zentralen Denkfehler: die Gleichsetzung von Methode und Risiko.

Pflanzenzüchtungen, deren genetische Veränderungen auch durch natürliche Prozesse oder klassische Züchtung entstehen könnten, werden künftig anders behandelt als klassische transgene Pflanzen.

Das ist kein radikaler Schritt. Es ist die Rückkehr zu einer Selbstverständlichkeit der Biologie, die in der Politik erstaunlich lange verloren gegangen war.

Europa will jetzt aufholen – zu spät, aber immerhin

Die EU korrigiert einen Kurs, der uns sowohl wissenschaftlich als auch wirtschaftlich unnötig ausgebremst hat.

Das ist kein Triumph europäischer Regulierungskunst, sondern das Eingeständnis, dass man sich in einer zentralen Zukunftstechnologie zu lange an falschen Kategorien orientiert hat. Die EU hat sich in der Grünen Gentechnik nicht vorsichtig verhalten – es hat sich selbst aus dem Spiel genommen, während andere Länder mittlerweile einen deutlichen Vorsprung haben. 

In den USA, Brasilien, Argentinien und Kanada gehören gentechnisch veränderte Soja-, Mais-, Baumwoll- und Rapssorten seit Jahren zum landwirtschaftlichen Alltag. Inzwischen kommen zudem neue Anwendungen hinzu, etwa virusresistente Papaya in Hawaii, insektenresistente Auberginen in Bangladesch oder trockenheits- und hitzetolerantere Sorten, die angesichts des Klimawandels zunehmend an Bedeutung gewinnen. Gleichzeitig setzen Länder wie China verstärkt auf gentechnisch veränderte und genomeditierte Pflanzen, um Erträge zu steigern und ihre Ernährungssicherheit zu verbessern.

Gemessen an der weltweiten Ackerfläche machen gentechnisch veränderte Pflanzen zwar nur rund 10 bis 15 Prozent aus. Betrachtet man jedoch die wichtigsten Handelskulturen, ist ihr Anteil erheblich höher: Rund drei Viertel der weltweiten Sojaproduktionetwa ein Drittel des Maisesrund drei Viertel der Baumwolle und etwa ein Viertel des Rapses stammen inzwischen von gentechnisch optimierten Sorten. Bei Soja, Baumwolle und Mais prägen sie den Weltmarkt damit bereits maßgeblich.

Was die EU getan hat, kann man freundlich als überzogene Vorsicht bezeichnen. Man kann es aber auch als das benennen, was es wirtschaftspolitisch war: ein selbstverschuldetes, ideologiegetriebenes Innovationshemmnis. Während andere Staaten die Chancen einer Schlüsseltechnologie nutzten, beschäftigte sich die EU über Jahre mit Ängsten von gestern.

Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht mehr, ob wir uns moderne Pflanzenbiotechnologie leisten können. Sondern ob wir es uns leisten können, weiterhin auf sie zu verzichten.

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